22. Juli 2026

Interview mit Marita Vollborn über ihre Bronzeskulptur „ARES“ auf der Chianciano Biennale 2026

Herzlichen Glückwunsch zur Auswahl als „Ausgewählter Künstler“ für die 9. Chianciano Biennale 2026 in der Toskana. Ihre Bronzeskulptur „ARES“ wird dort ausgestellt. Was hat Sie zu diesem Werk inspiriert, und warum haben Sie es nach dem griechischen Kriegsgott benannt?

Marita Vollborn: Vielen Dank. „ARES“ ist ein sehr persönliches und zugleich hochaktuelles Werk. Obwohl es 2015 entstanden ist, wirkt es, als sei es für die heutige Welt geschaffen worden. Die Skulptur verkörpert Militarismus, Gewalt und vor allem die Profitgier, die vielen Konflikten zugrunde liegt. Mehr als 80 Millionen Tote in zwei Weltkriegen reichten offenbar nicht aus, um das Wettrüsten und die Kriegstreiberei zu stoppen. Ares repräsentiert die zerstörerische Kraft des Krieges – nicht als Heldenfigur, sondern als eindringliche Warnung vor der menschlichen Ambivalenz: wie leicht Macht, Gier und Ideologie in Gewalt umschlagen.

Die Skulptur zeigt einen kraftvollen, bedrohlichen Körper, der rohe, ungezügelte Energie ausstrahlt. In einer Zeit geopolitischer Spannungen und andauernder Kriege soll sie zum Nachdenken anregen: Wer profitiert eigentlich davon? Es handelt sich nicht um eine einfache Antikriegsbotschaft, sondern um eine Untersuchung der tieferliegenden Mechanismen – der systematischen Ausbeutung von Konflikten durch die Mächtigen.

Poster for Chianciano Art Museum: Selected Artist Marita Vollborn with bronze sculpture image on a cream background and gold border.
Marita Vollborn Selected Artist Chianciano Biennale 2026

Sie thematisieren die profitorientierte Gier vieler einflussreicher Persönlichkeiten. Welche Rolle spielt Ihrer Meinung nach die Kunst bei der Kritik solcher gesellschaftlicher Missstände, insbesondere jenseits kommerzieller Interessen?

Marita Vollborn: Kunst muss vor Kommerz stehen – „Kritische Kunst vor Kommerz“ ist einer meiner Leitsätze. Als ehemalige investigative Journalistin, die Bücher über die „Gesundheitsmafia“, die Lebensmittelindustrie, Verbrauchermanipulation und soziale Ungerechtigkeiten geschrieben hat, weiß ich, wie schwierig es ist, kritische Inhalte in einem kommerzialisierten Umfeld zu platzieren. Viele mächtige Akteure profitieren von Krieg, Umweltzerstörung oder sozialer Spaltung. Kunst hat die Freiheit, das Unsagbare sichtbar zu machen, wo Worte allein oft zensiert oder ignoriert werden.

Die Herausforderung besteht darin, dass der Kunstmarkt selbst kommerziell ausgerichtet ist. Galerien, Sammler und Biennalen verlangen oft gefällige, dekorative Werke. Ich widersetze mich dem, indem ich figurative, ausdrucksstarke Skulpturen schaffe, die sich direkt mit Konflikten und menschlicher Ambivalenz auseinandersetzen – mit Stärke und Schwäche, Macht und Schuld. „ARES“ ist ein Beispiel dafür: Es ist nicht „schön“ im klassischen Sinne, sondern konfrontativ. Es fordert den Betrachter heraus, anstatt ihn lediglich zu unterhalten. Das kann anspruchsvoll sein, ist aber notwendig.

Lassen Sie uns über Ihr Gesamtwerk sprechen. Seit 2010 arbeiten Sie an dem Projekt „Sinn und Scherben®“. Können Sie uns mehr darüber erzählen?

Marita Vollborn: „Sinn und Scherben“ umfasst rund 50 einzigartige Skulpturen aus Ton und Bronze, die das gesamte Spektrum menschlicher Erfahrung erkunden: Schmerz, Freude, Mut, Liebe, Verlust und gesellschaftliche Widersprüche. Es entstand als Gegenpol zu meiner journalistischen Arbeit. Als Wissenschafts- und Wirtschaftsjournalistin arbeite ich mit Fakten und präziser Sprache. In der Bildhauerei lasse ich los – ich arbeite intuitiv mit meinen Händen und gestalte, was sich nicht vollständig in Worte fassen lässt oder will.

Viele Werke thematisieren menschliche Zerbrechlichkeit und Stärke. Ein Beispiel ist die Skulptur einer Frau nach einer Mastektomie, die stolz dasteht – ein Symbol für Mut und Selbstvertrauen trotz des Verlustes. Oder „Hass-Schrift“ (Hassschrift): ein aufgeschlagenes Buch mit Stacheln und Klingen, das veranschaulicht, wie Wissen oder Ideologien Hass säen können. Die Skulpturen sind aus zerbrechlichem Ton (manchmal Papierporzellan) gefertigt und teilweise in robuste Bronze gegossen – ein Wechselspiel von Material und Beständigkeit.

Ergänzt wird dies durch digitale Erweiterungen: NFTs aus dem Projekt sowie „ZEITGEIST91“, eine Fotosammlung aus der Zeit der deutschen Wiedervereinigung und den ersten Jahren nach dem Fall der Berliner Mauer, die ich sowohl als historische Dokumente als auch als künstlerische Reflexionen betrachte. Meine Biografie – aufgewachsen in der DDR unter Zensur und die friedliche Revolution von 1989 miterlebt – prägt alles. Kunst ist für mich ein Mittel, gesellschaftliche Missstände sichtbar zu machen und den Dialog zu fördern, ohne mich den Diktaten des Marktes zu beugen.

Welche Hoffnungen verbinden Sie mit der Präsentation von „ARES“ in Chianciano?

Marita Vollborn: Ich hoffe, die Skulptur regt im internationalen Umfeld der Biennale zu Gesprächen an. Kunst kann Brücken bauen und Menschen dazu anregen, über Krieg, Gier und menschliche Verantwortung nachzudenken – jenseits nationaler Grenzen und kommerzieller Interessen. In einer turbulenten Welt sind solche Mahnungen dringender denn je. Und vielleicht erinnert uns „ARES“ daran, dass wir nicht nur Opfer oder Täter sind, sondern vor allem fähig zu Veränderung und Mitgefühl.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Vollborn. Viel Erfolg in Chianciano!

Das Interview erschien im Original auf English bei Pugnalom

Poster for Chianciano Art Museum: Selected Artist Marita Vollborn with bronze sculpture image on a cream background and gold border.